Polartraining: Autoreifen ziehen!

22. März 2017 – 23:50

Ausdauersportarten gibt es viele – Laufen, Langlauf, Schwimmen, Velofahren – und auch die Muckis lassen sich auf vielfältige Weise stählen. Doch für Polarfahrerinnen gilt vor allem eins: Autoreifen ziehen! Der berühmte norwegische Polarfahrer Børge Ousland bringt es auf den Punkt: „Reifen ziehen stärkt die Muskeln an Rücken, Beinen und Po und bildet den Charakter!“

Genau – besonders den Charakter! Denn beim Reifenziehen trainiert die angehende Polarfahrerin nicht nur die entsprechenden Muskeln um eine schwere Pulka zu ziehen, nein, sie formt auch ihren Charakter, da sie immer wieder vor spannenden, herausfordernden und schwierigen Situationen steht.

Da müssen zum Beispiel die inneren Ängste vor fiesen Hunden überwunden werden! Denn Hunde scheinen Autoreifen partout nicht zu mögen – es ist, als ob diese Autoreifen ihr Urfeind seien und in ihnen die tiefsten wölfischen Ur-Instinkte wach riefen. Sie kläffen und knurren, ziehen die Schwänze ein, legen die Ohren an, bellen und jaulen… Puh, da bin ich froh, dass die angriffigsten unter ihnen jeweils in das hintere Gummiteil und nicht in mein eigenes Hinterteil beissen! Haut einer seine Zähne heftig hinter mir in den Pneu, schwitze ich vorne gleich noch etwas heftiger. Zum Glück ziehen die Reifen die Hunde nicht nur magisch an, sondern schützen mich gleichzeitig auch vor ihnen! Gut so! 

Dann gibt es da die lustigen Kinder auf dem Spielplatz, die meist mit offenem Mund stumm stehen bleiben oder aber rufen: „Mama / Papa, da ist eine Frau, die hat ein kaputtes Auto!“ Die Kleinen denken nämlich meist, dass ich die Reservereifen flott zu meinem Auto mit Platten hinziehe, um meine Karre wieder auf Vordermann zu bringen! Wenn ich ihnen dann erkläre, dass ich gar kein Auto habe, verstehen sie nur Bahnhof – und weil die Eltern ihren Kids ja meist auch nicht erklären können, was die olle Tante denn da wirklich macht, erkläre ich es ihnen dann halt selber. Die Diskussion über Schlitten und Südpol endet dann meist mit der Erklärung, dass es in der Antarktis aber echt keine Eisbären gibt…

Des weiteren sind da die Reaktionen der mal neugierigen, mal misstrauischen, mal amüsierten oder auch mal beleidigten HündelerInnen / SpaziergängerInnen / JoggerInnen / SchrebergärtnerInnen. Von aufmunternd-bewundernden Zurufen über heimliches Fotografiert-werden (passiert öfters!) bis zum misstrauischen Blick á la „wer dringt so frech mit diesen seltsamen Dingern in mein Spazierrevier ein“ gibt es diverse Interaktionen – mit den Pneus erregt man allgemein viel Aufmerksamkeit. Was besonders grosse Freude bereitet sind die Menschen, die einen mit einem grüssenden Kopfnicken oder schelmisch-vertrauten Lächeln beim harten Training aufmuntern, da man sich schon öfters begegnet ist, auch schon mal ein Wort gewechselt hat und nun also zu den „aufgeklärten Insidern“ gehören. Das spornt an und motiviert. 

Zwei der lustigsten und bleibendsten Begegnungen waren wohl einerseits die Hündelerin, die schon von weitem lachte und dann feixend an mich herantrat: Sie hatte aus der Distanz geglaubt, ich sei von meinem Ehemann auf und davon und ziehe einen Koffer und den halben Hausrat hinter mir her! Oder der joggende Student, der sich brennend dafür interessierte, warum ich denn so olle Gummidinger hinter mir herschleppe – als er vernahm, dass ich hunderte von Kilometern durch eine monotone Eislandschaft zu wandeln gedenke hatte er derart Mitleid mit mir und den möglichen Auswirkungen dieser Monotonie auf meine Psyche, dass er mir eine Playlist mit den besten skandinavischen Death Metal und Heavy Metal Bands versprach. Auf diese mit Sicherheit anregende Playlist und deren Auswirkungen auf meine Psyche bin ich heute noch neugierig… 

Ja, die Welt ist meist einfach amüsiert und liebevoll aufmerksam, wenn unsereins schwitzend, keuchend und mit hochrotem Kopf daherkommt und 2-3 Autoreifen hinter sich herzieht. Und all dies stärkt nicht nur Rücken, Beine und Po, sondern eben auch Kopf, Herz und Verstand: Mut, Durchhaltewillen und soziale Kompetenz werden unweigerlich gefördert, aber auch der Humor kommt nicht zu kurz! Kurzum: Reifen ziehen bildet eben den Charakter!